18.01.2010 | Merkt Ihr nischt?
Grüne Woche in Berlin – das jährliche Spektakel hat begonnen. 400.000 Besucher lassen sich von Hochglanzbroschüren, säuberlich geputzten Schweinen auf goldgelbem Stroh und kostenlosen Häppchen über die wahren Verhältnisse in der Landwirtschaft täuschen. Das alles sind wir ja gewohnt. Verbraucherschützer, Tierschützer, Naturschützer geben Jahr für Jahr ihre Proteste zu Protokoll, die Jahr für Jahr wirkungslos verhallen.
Die Grüne Woche ist das Aushängeschild des Landwirtschaftsministeriums. Dieses BMELV heißt zwar Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Aber es ist de facto ein ganzes Ministerium für einen einzigen Berufsstand. Ein einziges Ministerium, das Milliarden Geldgeschenke an die winzige Gruppe von 350 000 landwirtschaftlichen Unternehmern in Deutschland verteilen kann. Ob den deutschen Bürgern das irgendwann doch einmal auffällt und sich eine Protestbewegung aus Hartz 4 Empfängern, alleinerziehenden Müttern, Mittelstandunternehmern, kinderreichen Familien und Studenten formiert?
80 Millionen deutsche Bürger sind Verbraucher, die geschützt werden müssen vor schädlichen Nahrungsmitteln. Dieser Schutz ist nicht gewährleistet, wenn die Interessen einer einflußreichen Agrarindustrie und die Interessen der hungrigen Menschen in Deutschland von derselben Behörde vertreten werden.
42,5 Millionen Schweine, Schafe und Rinder und 126 Millionen Geflügel gibt es in den Ställen deutscher Landwirte. Sie werden als "Produktionsmittel" betrachtet und je nach unternehmerischer Intelligenz ihrer "Besitzer" besser oder schlechter behandelt. Ihr Schutz ist ebenfalls nicht gewährleistet, wenn die Interessen der Täter und die Interessen der Opfer von derselben Behörde vertreten werden.
80 Millionen Verbraucher und kein eigener Verbraucherschutz Minister.
170 Millionen Tiere allein in der Landwirtschaft und kein Tierschutzminister.
350.000 landwirtschaftliche Betriebe und ein ganzes milliardenschweres Ministerium.
Merkt Ihr nischt? ( Kurt Tucholsky)
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