Liebe Freundinnen und Freunde,
manches freut mich, manches ärgert mich. In diesem Weblog schreibe ich über Dinge, die auf meinem Schreibtisch landen, oder denen ich begegne, wenn ich bei den Tieren bin.
Ich freue mich, wenn ich mit meinen Gedankensplittern und Berichten Anstöße geben kann.
... heißt es in der FAZ. Die Deutschen sparen auch in der Wirtschaftskrise nicht mit Ausgaben für Körperpflege oder für Wasch- und Reinigungsmittel. Im Jahr 2009 haben die Verbraucher in Deutschland 16,2 Milliarden Euro für Sauberkeit ausgegeben. Ist das unser nationales Hobby? Ist sauber und ordentlich zu sein das höchste Streben der Deutschen? Es gibt Kritiker, die das behaupten, besonders im Zusammenhang mit der sauber und ordentlich abgewickelten Massenvernichtung von Menschen im letzten Jahrhundert. Damals war ich noch nicht geboren. Aber einiges, was mir heute an "Sauberkeit" begegnet, wirft doch einige Fragen auf. Finde ich.
Im Kuhstall zum Beispiel. Bei der Milch, die hier produziert wird, prüfen staatlich beauftragte Tierärzte mit großem Aufwand die Hygiene (= Sauberkeit). Die Melkanlage blinkt und blitzt. Die Kühe sind an Bauch und Beinen völlig eingekotet, weil sie keine sauberen Liegeflächen haben.
Im Tiertransporter. Da wird gereinigt. Desinfiziert. Geschrubbt und gebürstet. Dampfgestrahlt. Alles blinkt und blitzt. Die Schweine auf dem LKW sind übersät mit blutigen Striemen, Bißwunden. Aus Nase und Mund läuft der Schleim.
In der Legebatterie. Es gibt kaum schmutzigere und stinkigere Orte auf der Welt als eine voll besetzte Legebatterie. Die Hühner sind schmutzig. Die Fenster , wenn es welche gibt, sind blind. Es stinkt so nach Kot und Ammoniak, daß die Arbeiter mit Mundschutz herumlaufen. Nur die Eier… ja die werden direkt aus dem Hinterteil des Huhns in eine Auffangschale geleitet. Damit sie ja nicht schmutzig werden. Sie blinken und blitzen in weiß oder hellbraun.
Im Schlachthof. Wo das Fleisch "gewonnen" wird, ist alles hygienisch, Kacheln und Arbeitsflächen aus Chrom blinken und blitzen. Meister Proper war da. Es gibt Handschuhe und Hauben. Helme und Plastiküberzüge für die Schuhe. Wo die Tiere sind und die letzten schlimmsten Augenblicke eines armen Lebens verbringen, da ist es schmutzig, rostig, zerbeult und es stinkt.
Irgendwas stimmt nicht mit der deutschen Sauberkeit. Von den 16,2 Milliarden kommt bei den Tieren nichts an. Ihre Sauberkeit ist kein Thema. Obwohl Wissenschaftler eindeutig beweisen können, daß Schweine und Rinder und Hühner erheblich leiden, wenn sie tagtäglich im Schmutz der eigenen Exkremente leben müssen. Sauberkeit kommt erst bei den Produkten ins Spiel, bei Fleisch und Wurst, Milch und Käse und Ei. Da gibt es so viele Hygienevorschriften, daß nicht mal die Lebensmittelkontrolleure völlig durchblicken. Und da die Verbraucher, also Sie und ich, nicht wissen dürfen, wie schmutzig und ärmlich die "Nutz"tiere leben, finden sich auf den Reklamebildern dann nur "saubere" Tiere. Kühe, Schweine, Hühner – sie blinken und blitzen digital aufbereitet. Dieser Umgang mit "Sauberkeit" wirft erhebliche Fragen auf. Finde ich.
Aber: Ich weiß etwas, das ich heute ausnahmsweise mal verrate, hinter der vorgehaltenen Hand sozusagen. Die Tiere haben ein reines Herz. Und wenn sie noch so schmutzig, blutig, kotverschmiert sind. Ich brauche nur ihre Augen zu sehen, ihre Ohren zu beobachten oder ihre Stimme zu hören, dann weiß ich: diese innere Reinheit kann niemand zerstören. Die ist einfach da. Und deshalb macht es den Animals' Angels Einsatzleiterinnen nichts, im Dreck bei den Tieren zu knien, mit blutigen Turnschuhen im Gepäck nach Hause zu fahren. Tiere sind und bleiben sauber. Weil sie ein reines Herz haben.
... um Nationaltorwart Robert Enke. Das Fernsehen zeigt Bilder von den über diesen Selbstmord zutiefst erschütterten Fußballfans. Für einige Tage ist "Selbstmord" ein in der Öffentlichkeit intensiv diskutiertes Phänomen.
Aber - einen Hinweis auf die Berufsgruppe mit dem größten Suizidrisiko habe ich nirgendwo gefunden. Nach einer im September 2009 veröffentlichten englischen Studie ist das Selbstmordrisiko bei Tierärzten viermal so hoch wie bei der Allgemeinbevölkerung und doppelt so hoch wie bei andern Heilberufsangehörigen. Das Deutsche Tierärzteblatt 11/2008 nennt einige Faktoren, die grade beim Tierarztberuf eine überdurchschnittliche hohe Stressresistenz erfordern. Das sind u.a.
• erhebliche Belastung des Privatlebens durch hohen Zeitdruck und Wochenendbereitschaft;
• Arbeit im Grenzbereich von Leben und Tod;
• Helfersyndrom ohne Möglichkeit, selbst Hilfe anzunehmen.
Ich meine, dass zu diesen Faktoren noch etwas dazu kommt, über das kein Tierarzt redet. Etwas, das in der berufsinternen Diskussion totgeschwiegen wird und wozu die Tierärztekammer sich nicht äußert:
Die Gesellschaft delegiert an die kleine Berufsgruppe schlecht bezahlter und ethisch nicht ausgebildeter Tierärzte die Organisation des Massenmordes an den Tieren. Ohne Überwachung durch die Veterinäre könnte die mit so viel Leid verbundene und noch dazu wirtschaftlich völlig sinnlose Qual der „Nutz“tiere nicht stattfinden.
Die tierärztlichen Gutachten legitimieren das Elend in den Ställen, den Horror auf den Transporten, das blutige Szenario in den Schlachthäusern. All das muss „ordnungsgemäß“ abgewickelt werden, so will es der Gesetzgeber. All das muss „hygienisch einwandfrei“ sein, so wollen es die Verbraucher. All das erledigen die Veterinäre, so erhält sich eine ganze Gesellschaft ihr gutes Gewissen. Und das Fatale ist: keiner weiß so genau, was Tieren weh tut, wie die Tierärzte. Keiner weiß so genau, worunter sie leiden, wie die Tierärzte. Die haben das nämlich gelernt. Sie haben das jahrelang für viel Geld studiert. Sie wissen Bescheid über die physischen und psychischen Bedürfnisse der Tiere. Und dann müssen sie all das im Alltag möglichst schnell vergessen. Darum geht es nicht in ihrer Berufswelt. Sie müssen dafür sorgen, dass der Euter der Kuh intakt bleibt. Die schmerzenden Klauen haben sie tunlichst zu übersehen, sonst geht der Bauer zum Kollegen. Die Plausibilität des Transportplanes sollen sie nicht wirklich überprüfen, sonst gibt es Ärger mit dem Landrat. Das „Spring“pferd soll Leistung bringen, seine Lebensqualität geht den behandelnden Tierarzt nichts an. Veterinäre sollen funktionieren, ihr Sachverstand ist nicht gefragt. Und ihre Liebe zu den Tieren schon gar nicht. Jemand, der einen heilenden Beruf ergriffen hat, wird zum Verwalter von Folter und Mord. Das kann nicht gut gehen.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass die Tierärzte in Streik treten. Dass sie sich weigern, diese Last länger zu tragen für eine ganze Gesellschaft, die ihr Fleisch essen und ihre im Tierversuch überprüften Medikamente einnehmen will…mit gutem Gewissen, denn es ist ja alles tierärztlich überwacht.
29.10.2009
Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik!
Zwei Autos von Animals' Angels sind unterwegs in Europa. Team A fährt von Warschau nach Spanien. Transportiert werden litauische Kälber über Polen, Deutschland, Frankreich zu Mastanlagen nach Spanien. Team B fährt von der holländischen Grenze über Deutschland, Frankreich, Spanien nach Portugal. Deutsche Milchkühe werden an Bauern in Portugal verkauft. Dort stehen sie noch eine Weile im Betrieb und enden meist auf dem "Schlacht"kuh-Markt in Rates.
Beide Transporte sind legal. Beide Transporte werden vorschriftsmäßig durchgeführt.
Und bei beiden Transporten leiden die Tiere enorm.
Fremde Gerüche. Laute Geräusche. Panik. Müdigkeit. Hunger. Durst. Durchfall. Entzündete Augen. Laufende Nasen. Husten. Kälte. Zugwind. Einsamkeit. Trauer. Aggression. Schmerzende Beine. Schmerzende Euter. Aufgescheuerte Haut. Bauchweh. Bedrohliche Schatten. Gleißendes Licht. Rütteln und Schaukeln. Schwierige Balance. Hinfallen. Aufstehen. Oder Liegenbleiben.
All das gibt es auf den beiden Transportern. Auf den beiden vorschriftsmäßigen und legalen Transportern.
Seit zwölf Jahren fahren Animals' Angels Mitarbeiterinnen hinter Tier-Transportern her. Neulich wurden wir in Spanien von einem Fahrer begrüßt mit den Worten: Endlich treffe ich Sie auch mal, ich bin unter meinen Kollegen der einzige, der noch nicht von Ihnen kontrolliert wurde….
In zwölf Jahren haben wir das schlimmste Elend abgestellt. Blut tropft nicht mehr aus den LKWs. Es erhängen sich auch (fast) keine Pferde mehr in den Transportern. Überladene Transporter mit erstickten Tieren finden wir nur noch äußerst selten.
Nach zwölf Jahren müssen wir feststellen: Es gibt sie nicht, die "tiergerechten", die "tierfreundlichen " Transporte. Das ist nur Propaganda der Bauernverbände und der Transporteure. Jeder Transport ist mit Angst und körperlichen Beeinträchtigungen für die Tiere verbunden. Und je länger die Strecke, desto größer die Verzweiflung und desto mehr Schmerzen. Die Fahrer wissen das. Die Veterinäre wissen das. Und wir wissen das.
Wir haben viel erreicht. Und es ist zu wenig. Also machen wir weiter: Team A fährt von Warschau nach Spanien. Team B fährt von Deutschland nach Portugal. Und während sie fahren, stundenlang durch Nacht und Tag, denke ich an ein Gedicht von Ernesto Cardenal. Da heißt es:
Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt. Aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik…
Die Männer und Frauen in Team A und Team B, sie sehen schon die Lichter einer besseren Zukunft. Diese Lichter leuchten in den klaren Augen des winzigen Kälbchens oder im Sonnen-Reflex auf dem schönen schwarz-weißen Fell der Kuh. Die Männer und Frauen in Team A und Team B, sie hören schon die zarte Musik einer andern Wirklichkeit, fast überdröhnt vom Krach der Dieselmotoren, vom Angstgeschrei der Kälber und dem lauten Klagengebrüll der Kühe. Aber eben nur fast….
Solange die Tiere auf den Straßen Europas hin und her verschoben werden wie Möbel oder Kartoffeln, solange bleiben wir bei ihnen. In der Hoffnung, daß wir irgendwann mit ihnen zusammen in dem Festsaal des Lebens ankommen werden. Da leuchten dann die Lichter freundlich und die Töne klingen hell und klar.
09.10.2009
Was tun wir bei ANIMALS' ANGELS gegen den Burnout?
Als Psychotherapeutin hatte ich oft mit Menschen zu tun, die für ein Burnout-Syndrom meine Hilfe suchten. Die Ursachen waren häufig beruflicher Stress, kombiniert mit privaten Problemen. Der typische Tierschutz-Burnout hat andere Ursachen:
- Die Anzahl der Tiere, die von Menschen gequält und ermordet werden, ist endlos. Viele Tiere werden überhaupt nur "hergestellt", um gefoltert und ermordet zu werden. Das ist für eine im Hinblick auf Tiere sensibilisierte Psyche kaum zu ertragen.
- In Deutschland ist Tierschutz die NGO Arbeit mit dem geringsten Sozialprestige und dem größten gesellschaftlichen Widerstand. Engagierte Menschen wollen mit Tierschützern nichts zu tun haben, weil es das persönliche Prestige mindert und die eigenen Lebens- und Eßgewohnheiten in Frage stellt. Das erzeugt ein Gefühl von Hilflosigkeit und Einsamkeit bei denen, für die Tiere wertvolle Persönlichkeiten sind.
- Verleumdungen und Streitigkeiten innerhalb der Tierschutzbewegung zehren an den ohnehin strapazierten Energieresourcen. Oft ist professionelles Verhalten gegenüber Fanatismus und Böswilligkeit in den eigenen Reihen nur sehr schwer aufrecht zu erhalten.
Was tun wir bei ANIMALS' ANGELS gegen den Burnout?- Wir machen unsere Hausaufgaben. Das heißt, wir haben Fakten und Erfahrungen vor Ort zur Verfügung. Das ist die Basis für unser Auftreten in der Öffentlichkeit. Faktenwissen und Erfahrung geben uns Sicherheit. Wer sich seiner Sache gewiß ist, wird nicht so schnell Opfer eines Burn-out.
- Wir nehmen unsere Emotionen ernst. Unsere Trauer über das Leiden der Tiere. Unsere Wut über das Verhalten der Tierquäler und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft. Unsere Sehnsucht nach einer Gerechtigkeit, die auch die Tiere mit einschließt. Diese Gefühle sind nichts, wofür wir uns schämen. Im Gegenteil. Sie sind unsere Motivation. Und sie sind unser Schutz gegen den Burn-out.
- Wir nehmen Urlaub. Das ist nicht leicht, weil das globale Tierleid immer präsent ist, egal wo wir uns aufhalten. Aber in dieser freien Zeit bin ich nicht zuständig. Meine Kollegen in ANIMALS' ANGELS geben mir frei. Sie übernehmen meine Verantwortung zusätzlich zu ihrer eigenen. Und weil sie das so selbstverständlich tun, habe ich dann die Pflicht, in dieser Frei-Zeit etwas Heilsames für mich zu tun, für meinen müden Körper und meine traurige Seele. Und wenn ich dann zurück komme, geht jemand anderes in die Frei-Zeit. Dann übernehme ich zusätzliche Verantwortung. So schützen wir uns gegenseitig vor dem Burn-out.
Das funktioniert. Probieren Sie es aus.