Türkei: Kuh Alexandra und Bulle Önder – zwei Schicksale auf Tiermärkten in Zentralanatolien

Während unseres Großeinsatzes in der Türkei nutzen wir nach einer Begleitfahrt nach Zentralanatolien die Chance und besuchen einen Tiermarkt in der Gegend. Er findet wöchentlich statt. Gerade vor dem bevorstehenden Opferfest scheint jetzt besonders viel los zu sein. Laut Händlern vor Ort werden dort um die 1.000 Rinder und Schafe verkauft – sowohl zur Schlachtung, Mast als auch Zucht.

Immerhin gibt es eine Infrastruktur mit Dächern, sodass ein Großteil der Tiere wenigstens im Schatten untergebracht ist und zumindest die Schafe stehen in Gehegen. Bei den Rindern sieht es anders aus: Sie sind meist viel zu kurz angebunden an Stangen – viele von ihnen können sich nicht bewegen oder hinlegen. Wie der ‚Schlacht‘bulle Önder, der verzweifelt versucht aufzustehen, doch durch die kurze Anbindung nicht hochkommt. Wir wollen Önder helfen und holen die Verkäufer und versuchen ihnen das Problem zu erklären. Doch sie hören nicht auf uns und treten ihm stattdessen in den Bauch. Einer der Anwesenden steigt ihm sogar auf den Schwanz, um ihn zum Aufstehen zu bewegen. Empathie und Verständnis für Önders Situation – Fehlanzeige!

Auf dem Markt werden auch ‚Milch’kühe verkauft, unter ihnen sind auch schwarzbunte Holstein-Rinder – auch unter den Kälbern. Woher ihre Mütter wohl gekommen sind? Aus Deutschland? Oder einem anderen EU-Land? Die meisten Kühe hier auf dem Markt haben türkische Ohrmarken, manche auch gar keine oder nur noch Löcher in den Ohren. Laut den Händlern werden auf dem Markt keine europäischen Tiere verkauft, doch wirklich sicher sein können wir uns nicht. Wie das zweite Beispiel zeigt:

Auf einem Markt im Norden der Türkei finden wir die Kuh Aleksandra aus Rumänien. Sie steht zwischen anderen Kühen, angebunden mit einer Metallkette um den Hals. Ihr Fell ist stumpf, ihr Körper ausgemergelt und eingefallen und ihr Euter höchstwahrscheinlich entzündet. Der Händler vor Ort erzählt uns, dass sie zusammen mit den anderen Kühen hier zum Schlachten verkauft wird. Vor zwei Stunden sei erst eine Kuh im angrenzenden Schlachthaus getötet worden. Aleksandra und die anderen Kühe werden geschlachtet, weil sie wirtschaftlich nicht mehr rentabel sind für die Milchwirtschaft. Sie sind entweder zu alt und geben zu wenig Milch, sind krank oder werden nicht mehr schwanger. Wo und wie lange Aleksandra in der Türkei verbracht hat, wissen wir nicht – aber anhand ihrer Ohrmarke werden wir versuchen mehr über ihr Schicksal herauszufinden.

Artikel 13 AEUV besagt, dass die EU und ihre Mitglieder bei der Formulierung und Durchführung ihrer Politik den Erfordernissen des Wohlergehens der Tiere als fühlende Wesen in vollem Umfang Rechnung tragen müssen. Doch Aleksandras Fall zeigt einmal mehr: Nach wie vor wissen wir nicht, was mit den exportierten ‚Zucht‘tieren in den Zielländern passiert. Unter welchen Bedingungen werden sie gehalten und wie wird dort mit ihnen umgegangen? Wohin werden sie weiterverkauft, wenn sie für den Milchbetrieb zum Beispiel nicht mehr rentabel sind, wie zum Beispiel Aleksandra? Werden sie über Märkte weiterverkauft? Auf welche Weise finden sie schließlich ihr Ende?

Bis heute sind diese Fragen unbeantwortet, doch die EU exportiert weiterhin ihre Tiere in Länder, die keinerlei Tierschutzgarantien bieten können. Deshalb fordern wir ein Exportverbot in diese Länder! Und zwar jetzt! Bei unserem jüngsten Einsatz an der bulgarisch-türkischen Grenze haben wir erst deutsche und tschechische junge Kühe begleitet, die nun in der Türkei Milch produzieren sollen. Wie ihr Schicksal aussehen wird, bleibt ungewiss. Wir hoffen, dass ihnen dabei wenigstens – im Gegensatz zu Aleksandra – der Umweg über Tiermärkte erspart bleibt.