Wir sind auf den Landstraßen Marokkos unterwegs, auf den Spuren der unzähligen exportierten Tiere aus der EU. Es hat viel geregnet in der letzten Zeit, dadurch ist die Landschaft überraschend grün. Neben der Straße angepflockt begegnen wir den beiden ‚Milch’kühen Lilly und Sindy. Ihre Ohrmarken verraten uns, dass sie in Frankreich geboren wurden. Ihr Zustand lässt uns erahnen, dass sie in ihrem Leben bereits viel durchmachen mussten. Sie sind sehr dünn, haben ein ungepflegtes zotteliges Fell und tiefliegende Augen. Als wir in die Augen der beiden blicken, spüren wir eine Verbindung zu ihnen. Ihr Besitzer berichtet uns, dass Lilly und Sindy vor einem Jahr von Frankreich nach Marokko transportiert wurden. Der Bauer hat sie über eine Kooperative gekauft. Nicht nur für marokkanische Verhältnisse hat der Kleinbauer viel Geld für die Tiere investiert, in der Hoffnung, dass sie ihm und seiner Familie durch ihre Milch ein Einkommen ‚erwirtschaften‘ können. Der Bauer berichtet uns aber, dass diese Entscheidung nicht nur für die Tiere eine falsche war: Lilly und Sindy haben bald nach ihrer Ankunft ein Kalb bekommen und sind darauf sehr krank geworden. Sie mussten mehrmals vom Tierarzt behandelt werden und es war nicht klar, ob sie überleben würden. Mittlerweile haben sie sich mehr oder weniger erholt, die Milchleistung erreichte aber nicht einmal annähernd jene, die er sich erhofft hätte und die die Tiere wahrscheinlich gehabt hätten, wenn ihnen der Transport erspart geblieben wäre und sie die für ihre hochbeanspruchten Körper nötige Pflege erhalten hätten.
Das Beispiel von Lilly und Sindy ist kein Einzelfall, sondern ist ein Sinnbild für die vielfältigen systematischen Problematiken, die mit dem Export der sogenannten ‚Zucht’tiere einhergehen. Die Tiere benötigen besonders nach der Geburt ihres Kalbes ein immenses Maß an Pflege. Sehr oft ist dies unter den Bedingungen der Zielländer nicht möglich und die Umstellung fällt den Tieren schwer. Die Strapazen des Transportes tragen zusätzlich zu den Bürden, die diese Tiere tragen müssen, bei. All diese Faktoren erhöhen das Risiko, dass die Tiere schwer erkranken, dramatisch.
Der Export von Lilly und Sindy hat nicht nur ihnen extremes Leid verursacht, sondern auch den Kleinbauern in ein wirtschaftliches Dilemma gestürzt. Dieses Beispiel zeigt, dass das Argument vieler Wirtschaftsbeteiligten nicht uneingeschränkt stimmt, wenn sie behaupten, dass der Export von ‚Zucht’tieren zur Unterstützung der Bevölkerung in den Zielländern beiträgt. Deshalb hören wir nicht auf, bei Tieren wir Lilly und Sindy zu sein, ihre Geschichte zu erzählen und uns dafür einzusetzen, dass anderen Tieren in Zukunft ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.










