Es ist stockdunkel. Obwohl es bereits 08:00 Uhr morgens ist, ist die Sonne noch nicht aufgegangen. Ich folge meinen Teammitgliedern und versuche, sie nicht aus den Augen zu verlieren, während ich langsam wahrnehme, was um mich herum geschieht. Wir sind auf dem Tiermarkt in Ouled Frej in Marokko. Mein erster Tiermarkt; mein erster Animals’ Angels-Einsatz. Am 1. Januar habe ich als Teamassistentin bei Animals’ Angels angefangen und nur wenige Wochen später stehe ich bereits knöcheltief in einem zähen Schlamm aus Erde, vermischt mit Tierkot und Urin. Um meine Arbeit bestmöglich zu machen, ist es entscheidend, genau zu verstehen, wie Animals’ Angels arbeitet – und einen Einsatz zu begleiten, ist sicherlich der effektivste Weg dafür.
Langsam lichtet sich die Dunkelheit und ich kann meine Umgebung klarer erkennen. Um mich herum stehen Dutzende Menschen in Djellabas (einem weiten, wollenen Gewand mit spitzer Kapuze), die angesichts der sehr niedrigen Temperaturen am frühen Morgen warm und gemütlich wirken. Viele von ihnen haben ihre Schafe und Ziegen zum Markt gebracht, um sie zu verkaufen: Viele Schafe werden vorangetrieben, manche werden an den Vorderbeinen in die Luft gehoben und so gezogen; einige der jüngeren Tiere werden in kleinen Karren oder Schubkarren transportiert. Ich versuche, mich an die Anblicke, Gerüche und Geräusche zu gewöhnen. Ich weiß, dass es noch viel überwältigender werden wird.
Wir erreichen den Bereich, in dem die Rinder warten: Hunderte Männer stehen herum, begutachten die Tiere und verhandeln Preise. Zunächst verschaffen wir uns einen Überblick über die Marktsituation. Meine Kolleginnen und Kollegen, die schon viele solcher Märkte gesehen haben, erklären mir geduldig alles. Dort drüben sind die ‚Milch‘kühe, sie werden zur Milchproduktion verkauft. Einige von ihnen stehen mit ihren Kälbern da, die vergeblich versuchen, bei ihren Müttern zu trinken – ihr Maul ist mit einem Maulkorb verschlossen. Andere Kühe müssten dringend gemolken werden; ihre Euter sind geschwollen und manchmal tritt Milch aus. Alle sind eng aneinander oder an eine Wand gebunden und können sich kaum bewegen. Manche haben einen Plastiksack über den Augen, andere die Vorderbeine zusammengebunden, einige Unglückliche beides. Man kann ihre Angst und Orientierungslosigkeit sehen, hören, fühlen und riechen. Sie rufen nacheinander oder nach ihren gerade weggenommenen Kälbern – oder schreien einfach vor Angst. Ich stehe da, versuche alles aufzunehmen und möchte gleichzeitig wegsehen. Meine Kolleginnen und Kollegen sind bereits aktiv: Sie entdecken sofort Kühe, die ursprünglich aus Europa stammen könnten, und versuchen, unauffällig ein Foto ihrer Ohrmarke zu machen, um dies zu bestätigen, ohne die Tierhalter zu verärgern. Sie bewegen sich ruhig, aber zielgerichtet, beobachten und dokumentieren eindeutig kranke oder besonders misshandelte Tiere – Auswahl gibt es leider genug. Ich bin überrascht, wie wenig Beachtung uns die meisten Menschen schenken, sodass wir meist ungestört arbeiten können.
Wir teilen uns in kleinere Gruppen auf. Ich gehe zu dem Bereich, in dem die Tiere verladen werden. Ich hatte viele Berichte von Animals’ Angels darüber gelesen, wie schmerzhaft dieser Prozess für die Tiere ist, und dachte, ich wüsste, was mich erwartet. Doch es „live“ zu sehen, ist etwas anderes. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen eine Steinmauer, als könnte sie mir Halt geben – körperlich und emotional –, während ich mich umschaue. Meine Kolleginnen und Kollegen bewegen sich ständig, gehen näher an die Lkw heran, versuchen die wichtigsten Momente festzuhalten und die europäischen Kühe nicht aus den Augen zu verlieren. Ich stehe da und schaue.
In der Ferne ist eine Kuh bereits auf die obere Ebene eines Lkw verladen worden, ist jedoch vor Erschöpfung gestürzt und wird nun von den anderen Tieren niedergetrampelt. Zwei Männer versuchen, sie aufzurichten, indem sie ihren Schwanz verdrehen, an ihrer Nase ziehen und sie mit einem Stock schlagen. Das ganze Chaos macht die anderen Kühe noch unruhiger, sodass sie noch häufiger auf die am Boden liegende Kuh treten. Die Männer werden wütender und brutaler; die Kuh steht immer noch nicht auf. Ich schaue weg.
Nur wenige Meter von mir entfernt nutzen zwei Lkw die Tür des Aufliegers auf einer erhöhten Fläche als Rampe, die jedoch extrem steil ist. „Unmöglich, dass eine Kuh da hinaufkommt“, denke ich. Ich irre mich. Ich habe unterschätzt, was genügend Schwanzverdrehen, Schläge, Schreien, Ziehen und Schieben bewirken können – wenn man nur genug Zeit investiert und ignoriert, wie oft die Kuh stürzt, zu fliehen versucht oder auf die Knie sinkt. Ich schaue weg.
Auf dem oberen Deck des anderen Lkw ist die Kuh schließlich irgendwie wieder aufgestanden, und der Lkw versucht nun, sich aus dem Schlamm zu befreien. Das gesamte Fahrzeug schwankt hin und her, während es versucht, die Reifen zu lösen – und mit ihm schwanken die Kühe. Ihre Köpfe sind jedoch eng an die Seiten des Lkw gebunden, und man sieht, wie schmerzhaft sie um ihr Gleichgewicht kämpfen. Wenn sie fallen, werden sie unmöglich allein wieder aufstehen können – und sie scheinen das zu wissen.
Wir gehen weiter zu einem Bereich mit einer erhöhten Betonrampe, die das Verladen auf die obere Ebene erleichtern soll. „Das wird leichter zu ertragen sein“, denke ich. Ich irre mich. Zwischen Lkw und Mauer klafft eine große Lücke, in die die Tiere oft mit den Beinen hineinrutschen. Dabei treten sie ungewollt in die Gesichter der bereits unten verladenen Rinder, die ihre Köpfe nach draußen strecken – auf der Suche nach Luft und vielleicht nach Freiheit. Auch hier scheinen Schwanzverdrehen und Stockschläge die „Lösung“ zu sein. Unter der Mauer, an eine Säule gebunden, ein Bein in der Luft, steht ein wunderschöner, großer Widder. Schmutzig und abgemagert, aber mit majestätischen Hörnern. Seitlich am Lkw versucht der Fahrer, Platz in einer kleinen Öffnung zu schaffen, in der Planen und ein Ersatzreifen verstaut sind. „Den Widder werden sie dort doch nicht hineinzwingen!“, sage ich entsetzt zu meinem Kollegen. Ich irre mich. Sie tun es. Man muss nur fest genug drücken.
Wir verlassen den Bereich und schließen uns den anderen im Schafbereich an. Inzwischen ist die Sonne aufgegangen und es wird wärmer. Eine Kollegin hockt am Boden und streichelt ein liegendes Kalb, um es zu beruhigen. Ich bewundere sie. Um mit all dem umgehen zu können, muss ich im Moment Abstand halten; ich kann (noch) keine direkte Verbindung zu den Tieren zulassen.
Nach und nach werden alle Schafe verkauft und weggebracht – außer Johnny, einem kleinen Lamm, das zurückbleibt. Niemand scheint ihn zu wollen. Seine Vorderbeine sind am Boden festgebunden, er kann sich nicht bewegen, doch er blökt unaufhörlich. Ruft er nach seiner Mutter? Nach seiner Herde? Sein Besitzer bietet ihn vorbeigehenden Männern immer wieder an, doch sie lehnen ab. Ich weiß nicht einmal, was ich mir für ihn wünsche, ich weiß nicht, wo und wie sein Leben weniger schmerzhaft wäre. Also erfinde ich meine eigene Geschichte: Johnny ist kein Zurückgelassener, er ist ein stolzes, unabhängiges kleines Lamm, das mit niemandem mitgehen will! Und das macht er lautstark deutlich – deshalb will ihn keiner kaufen. Wohin er auch geht, er wird stark und stur bleiben. Das rede ich mir ein.
Wir gehen. Das Team ist unglaublich fürsorglich und fragt immer wieder, wie es mir geht. Ich lächle. Ich sage nicht viel.
Zwei Tage später sind wir auf dem Markt von Sidi Bennour, wenige Stunden von Marrakesch entfernt. Als wir ankommen, lachen die Männer über unsere normalen Wanderschuhe und zeigen auf das Innere des Marktes: ein See aus Schlamm, durch den man unmöglich hindurchkommt. Auf ihren Rat hin kaufen wir Gummistiefel an einem Stand – eine sehr gute Entscheidung, denn der Schlamm reicht zeitweise bis zu unseren Waden. Wir beobachten und dokumentieren wie zuvor. Es sieht sehr ähnlich aus; doch der Schlammsee, der uns verlangsamt und die Bedingungen für die Tiere noch verschlechtert, macht alles noch düsterer. Immer wieder kommen wir als Gruppe zusammen. Das gibt uns Kraft.
Wir sehen eine offensichtlich kranke Kuh, die am Boden liegt und mit einem Stein an ihrer Seite abgestützt ist. Esther hat einen großen Abszess an der Vulva und blutet sichtbar aus der Scheide. Mehrmals versucht sie aufzustehen, doch sie fällt immer wieder. Ohne es auszusprechen, wird sie zu unserem Mittelpunkt. Einer von uns bleibt stets bei ihr, als könnte unsere Anwesenheit ihr Trost spenden.
Neben ihr wird ein Lkw beladen. Ein Kalb, Chakib, liegt auf der Seite und kann nicht aufstehen; sein Kopf ist an die Seite des Fahrzeugs gebunden, wodurch er in einer äußerst schmerzhaften Position liegt. Er wird zudem von den anderen Kälbern niedergetrampelt, weil der Platz so eng ist. Die Männer schlagen ihn, um ihn zum Aufstehen zu bewegen – ohne Erfolg. Mein Kollege greift ein und erklärt den Arbeitern, dass Chakib nur eine Chance hat aufzustehen und nicht zertrampelt zu werden, wenn man ihn vom Lkw losbindet. Ein Mann auf dem oberen Deck wirft eine Schere herunter, und mein Kollege schneidet das Seil durch. Chakib steht zwar nicht auf, kann aber zumindest seitlich liegen. Ein weiteres Teammitglied streichelt seinen Rücken, um ihn zu beruhigen, bis die Arbeiter ihn verladen. Schließlich greifen die Männer zu Ingwerpulver, das sie ihm in die Augen schütten, um ihn zur Bewegung zu zwingen. Davon erfahre ich erst später.
Esther liegt noch immer dort. Eine Frau geht mit ihrem Sohn vorbei und streichelt sanft ihren Kopf, im Bewusstsein ihres Schmerzes. Ich setze mich neben Esther auf den Boden, nicht zu nah, da sie leicht erschrickt. Ich weiß nicht, wie sehr meine Anwesenheit hilft, aber ich möchte glauben, dass sie es tut. Ein Mann geht vorbei und deutet mit einer Geste das Durchschneiden der Kehle an – Esther werde zu einem Schlachthof in Marrakesch gebracht. „Der Schmerz wird bald vorbei sein“, flüstere ich ihr zu, wohl wissend, dass die zweistündige Fahrt für sie qualvoll sein wird. Wir müssen bald aufbrechen. Keiner von uns möchte sie allein lassen, doch wir wissen nicht, wann sie verladen wird. Als wir später noch einmal zurückfahren, finden wir nur den Stein und eine kleine Blutlache. Sie ist weg.
Wir sprechen kaum im Auto. Die Landschaft ist wunderschön, doch wir sind in Gedanken versunken. Morgen steht noch ein weiterer Markt an.
Am nächsten Tag sind wir um 7:30 Uhr auf dem Markt von Souihla. Der Boden ist trocken – eine Erleichterung. Inzwischen weiß ich besser, worauf wir achten müssen, und erkenne gesundheitliche Probleme schneller. An Schläge, Nasengriffe und Faustschläge habe ich mich jedoch nicht gewöhnt. Wir bleiben an einer Mauer stehen, an der Kühe mit ihren Kälbern angebunden sind. Ein weiß-braunes Kalb liegt apathisch am Boden. Alfonso trägt ein hartes Plastikstück am Maul, damit er nicht bei seiner Mutter trinken kann. Ich sehe ihn an und mein Herz bricht. Er hat aufgegeben. Seine Mutter scheint es zu spüren; sie tritt näher und beginnt ihn zu lecken – entlang der Wirbelsäule, am Kopf, an den Wangen, am Hals. Das belebt ihn. Er hebt den Kopf, schließt die Augen und genießt es. Ich lächle.
Eine Kollegin ruft mich – eine Kuh hat gerade gekalbt! Ein neugeborenes Kalb, noch von Fruchtwasser bedeckt, versucht auf wackeligen Beinen zu stehen. Dreißig Minuten lang beobachte ich, wie es versucht, die Zitzen seiner Mutter zu erreichen, während der Besitzer behutsam hilft.
Meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten unermüdlich weiter, folgen europäischen Kühen oder dokumentieren schwerkranke Tiere. Ich setze mich auf eine Bank nahe der Bullen. Die Rampen sind so steil und die Lkw so voll, dass manche Bullen nicht hinaufkommen. Ein Mann nimmt einen Elektroschocker, wechselt kurz die Batterien – und setzt die Tortur fort. Ich schaue weg und entdecke Bruco, ein schwarz-weißes Kalb, allein an einen Pfosten gebunden. Vorsichtig nähere ich mich ihm. Er ist misstrauisch, doch mein langer Schal interessiert ihn. Diese kleine Verbindung erlaubt mir, seinen Kopf zu berühren. Er scheint es zu mögen. Ich kraule seinen Hals, seine Ohren, streiche zwischen seinen Augen, über Schultern und Flanken. Beim dritten Markt habe ich gelernt, die Distanz zu überwinden und Nähe zuzulassen. Kurz darauf wird Bruco abgeholt – als männliches Tier vermutlich zum Schlachthof. Ich flüstere ihm zu, dass bald alles vorbei sein wird.
Später sehen wir zwei tote Kühe auf dem leeren Platz liegen, die Zungen herausgestreckt. So traurig es ist – ich empfinde Erleichterung. Ihr Leiden ist vorbei.
Es ist Zeit zu gehen. Zurück im Hotel beginnt die Büroarbeit: Fotos sortieren, Ohrmarken nachverfolgen, Berichte verfassen und alles den zuständigen Behörden melden. Aufmerksamkeit schaffen für das, was wir gesehen haben, in der Hoffnung, eine Debatte anzustoßen, die Veränderungen für die Tiere bringt.
Es war keine einfache Woche. Doch das Erlebte und die unermüdliche Arbeit meines Teams – getragen von derselben Liebe zu den Tieren und dem Glauben an ihr Recht auf Leben und Freiheit – haben mein Engagement für die Mission von Animals’ Angels, und meinen Wunsch, daran beizutragen, nur noch gestärkt.
Animals’ Angels positioniert sich ausdrücklich gegen jede Form von Diskriminierung oder Feindseligkeit gegenüber Menschen anderer Kulturen oder Religionen.










