Marokko
Es ist 5 Uhr morgens. Allmählich wird es hell. Auf dem ‚Viehmarkt‘ in Sidi Bennour herrscht bereits hektisches Treiben. Die Atmosphäre ist angespannt. Die Tiere sind verängstigt, die Händler laut und gestresst. Ein schwerer Geruch von Kot, Urin und Schweiß liegt in der Luft. Vom angrenzenden Schlachthof riecht es süßlich nach Blut. Helena steht inmitten des turbulenten Treibens. Sie beobachtet die Be- und Entladungen der Rinder. Tierschutz ist hier ein absolutes Fremdwort. Die Tiere werden geprügelt, getreten, an den Hörnern oder am Schwanz vom Transporter gezerrt. Es ist grausam. Helenas besonderes Augenmerk liegt auf den ‚Milch’kühen. Sie hält Ausschau nach Kühen aus der EU. Sie will aufzeigen, welches Schicksal die Tiere erleiden nach ihrem Export in Drittländer wie Marokko, wo es so gut wie keine Tierschutzvorschriften gibt. Da entdeckt sie inmitten des furchtbaren Schauspiels Elisa, eine deutsche Holsteinkuh…

Türkei
Eine Hitzewelle hat Europa fest im Griff. An der bulgarisch-türkischen Grenze steigen die Temperaturen heute auf über 34 °C. Helena sitzt gemeinsam mit Sven und Ali am Straßenrand im Schatten ihres Mietwagens. Sie beobachten die Ausfahrt der türkischen Grenzstation. Stets startbereit warten sie auf Tiertransporte aus der EU. Nach sieben Stunden Wartezeit fahren zwei Lkw aus der Grenze. An Bord: Junge Kühe aus Tschechien. Helena und ihr Team stellen bei beiden Transporten gravierende Tierschutzverstöße fest. Im Inneren herrschen 38 °C, einige Ventilatoren scheinen kaputt. Da die Abteilhöhe zu niedrig ist und Marit und die anderen Färsen daher fast an die Decke stoßen, staut sich die Luft. Helena, Sven und Ali beschließen, den Transporten zu ihrem Zielort in der Türkei zu folgen.

Über 14 Stunden dauert die Fahrt, vorbei an Istanbul und Ankara. Endlich angekommen, stellt das Team fest, dass der Stall einen heruntergekommenen Eindruck vermittelt: überall liegen Abfall und Sperrmüll herum, es gibt keine weiche Einstreu. Gerade diese wäre wichtig, damit die Kühe, die insgesamt fast vier Tage unterwegs waren, endlich ruhen können. Mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms erkundigt sich Helena bei den Stallarbeitern nach der Versorgung der Tiere. Sie bezweifelt, dass die jungen Männer geschult sind im Umgang mit den hochsensiblen, europäischen Hochleistungsrindern.
Kairo, Ägypten
Helena besucht den riesigen Importstall eines ägyptischen Fleischhändlers. Über 5.000 Rinder werden hier gemästet und für die Schlachtung verkauft. Der Sohn des Betreibers bietet ihr eine Führung an. Helena sucht auch hier nach Tieren aus der EU. Die Exportbefürworter argumentieren gerne, dass die europäischen Tiere für spezialisierte Betriebe bestimmt sind und dem Aufbau der Milchwirtschaft und der Verbesserung der Zucht in den Drittländern dienen sollen. Wir wissen, dass es nicht so ist und dass in vielen Ländern überhaupt keine Kontrolle darüber besteht, wo die Tiere letztlich landen. Obwohl die Stallanlagen an sich gut sind, herrscht auch hier das Elend vor. Sehr viele Tiere leiden an dem sogenannten Transportfieber, auch Kälberpneumonie genannt. Überall sind hustende Tiere zu hören, einige machen einen apathischen Eindruck. Sie starren vor sich hin und haben ruppiges, stumpfes Fell. Andere liegen mit aufgeblähten Bäuchen am Boden, wieder andere kämpfen bereits mit dem Tod. Zwar stellt sich einer der Anwesenden als Tierarzt vor, doch er sieht kein Problem am Zustand der Tiere. Helena weiß, dass die Situation ausweglos ist – sie kann hier nichts anderes für die Tiere erreichen als zu dokumentieren, was tatsächlich mit ihnen nach dem Transport passiert. Das ist besonders schwer zu ertragen, denn bei der kleinsten Kritik oder Nachfrage, würde sie Gefahr laufen herausgeworfen zu werden und hätte nicht genug Zeit, alles zu dokumentieren. Doch in der Tat wird Helena schnell fündig. Zu den ‚Schlacht’tieren gehören Kühe aus Deutschland und anderen EU-Ländern.

Helenas Berichte
Sobald sie im Hotel ankommt, beginnt Helena mit der Nacharbeit des Einsatzes. Sie führt detailliert Protokoll über alle Beobachtungen und erhaltenen Information. Sie ordnet Fotos und Videos. Aus jedem Einsatz und jedem Einsatztag gilt es das meiste für die Tiere herauszuholen. Mit den Kolleg:innen bespricht sie das weitere Vorgehen. Es gibt für diese Arbeit kein Handbuch. Jeder Fall, jedes Land ist anders. Fall für Fall überlegt Helena, wie den Tieren am besten geholfen werden kann. Macht ein Gespräch mit dem Besitzer oder der Transportfirma Sinn? Wendet sie sich am besten an das Veterinäramt oder an das Ministerium? Sollte sie die Presse einschalten? Welche Form der Beschwerde ist zielführend?







