Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, sich die sogenannte Ostroute genauer anzuschauen?
Die von Animals‘ Angels gut dokumentierten Missstände auf der Transportroute haben einige Diskussionen zwischen Bund und Ländern angestoßen. Dabei hieß es immer wieder, dass die Berichte von NGOs nicht als belegte Fakten angesehen werden könnten – wenn doch auf der anderen Seite die Wirtschaft beteuere, dass alles in Ordnung sei. Zugleich drehte man sich im Kreis: Der Bund forderte die Länder auf, tätig zu werden, da bei ihnen der Vollzug liege. Die Länder wiederum forderten den Bund auf, die Versorgungsstationen in Drittländern zu zertifizieren. Solche ineffektiven Debatten liegen mir auch kurz vor dem Rentenalter nicht. Als glücklicher Zufall kam hinzu, dass mich jemand, der die Zustände in Russland ebenfalls gut kennt, ansprach. Damit hatten wir einen Türöffner und sind losgefahren. Die für Tierschutz zuständige Ministerin in Hessen hat diese Dienstreise im Übrigen maßgeblich unterstützt.
Wie sind Sie vorgegangen und was haben Sie vor Ort festgestellt?
Unser Anspruch war es, die zehn Adressen, die in Fahrtenbüchern immer wieder als Versorgungsstationen angegeben wurden, zu besichtigen beziehungsweise zunächst zu klären, ob sie überhaupt vorhanden sind. Unsere Erkenntnisse sind ernüchternd: Zwar gab es, Stand August 2019, in der Region Smolensk zwei von den russischen Behörden registrierte Tierversorgungsstationen, die allerdings nicht den EU-Vorgaben entsprachen. Auf den weiteren rund 3.000 Kilometern in Richtung Usbekistan hingegen – Fehlanzeige. Bei sieben Adressen fanden wir nur Häuser oder Scheunen, die zur Abladung von Tieren nicht geeignet waren. Eine Adresse war eine Station ohne Zulassung, die also auch nach russischem Recht illegal ist.
Und Ihre Schlussfolgerung daraus?
Ein rechtmäßiger, gesetzeskonformer Transport von Rindern in weite Teile Russlands, nach Kasachstan oder Usbekistan war und ist nicht möglich. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es inzwischen zwei weitere von Russland zugelassene Stationen gibt. Und selbst wenn genügend gute Versorgungsstationen vorhanden wären, hieße das nicht, dass die Tiere tatsächlich angemessen versorgt würden und ruhen könnten. Oft bleiben sie an Autobahnparkplätzen oder vor den Versorgungsstationen einfach auf dem Lkw, auch davon wurde uns berichtet.
Wie kann es dann sein, dass immer noch darüber diskutiert wird, ob Exporttransporte in Drittländer für die Tiere sicher sind?
Wirtschaftliche Gründe sind offenbar für viele Politiker und auch einige Amtstierärzte nach wie vor entscheidender als die Einhaltung geltenden Rechts. Wir sollten uns klarmachen, dass die Exporteure über viele Jahre nachweislich die Unwahrheit gesagt und nicht existente Stationen angegeben haben. Auch das hat in der Debatte eigentümlicherweise keine Konsequenzen.
Was müsste Ihrer Meinung nach nun getan werden?
Wir bräuchten wenigstens ein externes, unabhängiges Kontrollsystem in den Drittländern, das nicht nur Stationen zertifiziert, sondern auch die laufende Praxis überprüft. Aber ich bin da wenig optimistisch: Wer die gravierenden Vollzugsdefizite in Deutschland kennt, kann für die Exporte nur zu dem Ergebnis kommen: Mit dem Tierschutz sind die Transporte nicht vereinbar. Besser wäre es, Sperma, Embryonen, Fleisch und Milch zu exportieren.
Dieses Interview erschien in unserem Jahresbericht 2020.







