Und gegenüber war da ein Tiertransporter – Eine Begegnung, die im Gedächtnis bleibt

Unsere Kollegin Chloé ist seit 2022 Teil von Animals' Angels und hat bereits an zahlreichen Einsätzen in Europa und darüber hinaus teilgenommen. Sie ist Ermittlerin und dokumentiert die Realität von Tiertransporten aus erster Hand.

In diesem Blog lädt Chloé die Leserinnen und Leser dazu ein, in eine imaginäre Begegnung mit einem Tiertransporter einzutauchen – auf dem Weg in den Urlaub. Während sich die Geschichte entfaltet und die Emotionen immer intensiver werden, wechselt die Erzählperspektive allmählich vom „Du“ zum „Ich“ und lässt einen auf diese Weise, vollständig in die Rolle der Hauptfigur eintauchen. Mit dieser eindrucksvollen Geschichte erinnert uns Chloé daran, dass sich hinter jedem Tiertransporter auf unseren Straßen fühlende Lebewesen verbergen, deren Leid allzu oft ungesehen bleibt.

Chloé arbeitet als Ermittlerin bei Animals' Angels.

Stell dir vor, du bist auf dem Weg in den Urlaub. Das ganze Jahr hast du darauf hingearbeitet und freust dich nun auf eine Liege am Pool irgendwo in der Sonne – an einem Ort, den du schon vor Monaten sorgfältig ausgesucht hast. Die Fahrt ist lang. Du hältst an einer Raststätte, wie so viele entlang deiner Route. Die Sonne scheint, dein Magen knurrt – Zeit für eine Mittagspause.

Du steigst aus dem Auto. Es tut gut, sich nach mehreren Stunden hinter dem Steuer endlich die Beine vertreten zu können. Du streckst dich und sagst beiläufig: „Wow, ist das heute schon heiß!“ Du hast dein Auto etwas abseits geparkt, damit es im Schatten steht. Auf dem Weg zum Café der Raststätte fällt dir ein seltsam aussehender Lastwagen auf. Es ist ein Tiertransporter, halb in der Sonne, halb im Schatten geparkt. Anders geht es bei einem Fahrzeug dieser Größe auch kaum.

Du bist neugierig, aber gleichzeitig etwas unsicher. Habe ich überhaupt das Recht, näher hinzusehen? Du gehst ein paar Schritte auf den Transporter zu. Das Erste, was dir auffällt, sind die Geräusche: das Scharren der Klauen auf dem Metallboden des Fahrzeugs. Das Dröhnen der Ventilatoren, als würden sie jeden Moment den ganzen LKW vom Boden abheben. Das Quieken und Grunzen der Schweine. Du trittst noch näher. Du siehst zuerst eine Schnauze, die sich bewegt. Sie ist klein, glänzt, und feuchte Holzspäne kleben daran. Du findest sie niedlich – bis du noch einen Schritt nähertrittst. Dann erst erkennst du, dass sich dahinter Dutzende und Aberdutzende Tiere befinden. Dicht gedrängt liegen sie da, eines über dem anderen. Noch nie hast du so viele Tiere auf so engem Raum gesehen! Es sei denn natürlich, du arbeitest in der intensiven Massentierhaltung. Aber als Verkäufer, Lehrerin, Finanzbeamter, Friseurin oder Pfarrer? Nein. Das hier ist neu für dich. Und es fühlt sich seltsam an. Der Transporter schwankt leicht, wenn die Tiere im Inneren ihr Gewicht verlagern. Du stehst einfach nur da. Irgendwie verlegen. Und merkwürdigerweise ist dir der Appetit auf dein Schinkenbrot plötzlich vergangen. 

     

Nach und nach saugst du jedes Detail in dich auf. Zuerst diese durchdringenden, beinahe erschreckenden Blicke. Wie viel Ausdruck in einem einzigen Blick liegen kann. Dann der Dreck auf dem Boden. Hat die Einstreu etwa auch Urlaub? Und warum atmen diese Tiere so schnell, mit geöffnetem Maul? Offensichtlich ist ihnen heiß – viel zu heiß. Vielleicht haben sie auch Durst. Oder Hunger? Wahrscheinlich beides.

Du nimmst dir vor, später mit einer Flasche Wasser zurückzukommen, um ihnen wenigstens etwas zu trinken zu geben. Und vielleicht ein wenig Trost. Spüren sie mein Mitgefühl? Wissen sie, dass ich ein „Tierfreund“ bin? Da stehe ich nun und stelle mir diese merkwürdigen Fragen, anstatt an meinen bevorstehenden Urlaub zu denken. Doch das ist fortan der einzige Gedanke, der mich beschäftigt.

Warum schlägt mein Herz so schnell? Warum bin ich wie gelähmt? Mir wird klar, dass ich machtlos bin. Sie sind so klein. So jung. Ich frage mich, wohin sie gebracht werden. Und woher sie kommen. Ich weiß, dass sie nicht in den Urlaub fahren. Ich stelle mir vor, dass sie von einem LKW zu einem Stall transportiert werden. Zuvor haben sie sicherlich bereits in einem anderen Stall gelebt. Ich kann mir auch denken, wohin ihre Reise irgendwann führen wird. Aber ich möchte es nicht aussprechen. Nicht jetzt. Nicht, solange sie noch direkt vor mir stehen.

    

Einige beginnen miteinander zu kämpfen. Mit meiner Stimme und einem kleinen Funken Mut versuche ich einzugreifen– wie töricht von mir. Was mögen die vorbeigehenden Menschen wohl denken? Aber das ist mir egal. Jetzt verstehe ich, woher die Kratzer und Verletzungen an ihren Ohren kommen. Ich würde wohl auch den Verstand verlieren, wenn ich so eng zusammengedrängt wäre, ohne Beschäftigung und ohne jede Möglichkeit, etwas anderes zu sehen.

Mir fällt auf, dass sie gar keine Ringelschwänze haben wie in den Kinderbüchern immer dargestellt wird. Natürlich nicht. Sie wurden kupiert. Davon habe ich schon einmal gehört. So klein – und schon verstümmelt. Ich möchte mir nicht einmal vorstellen, unter welchen Bedingungen das geschehen ist.

Plötzlich kommt der Fahrer zurück und startet den Motor. Ich sehe zu, wie der Tiertransporter langsam davonfährt. Warum kann ich nichts tun? Es tut mir leid. Ich war doch direkt vor euch. Und trotzdem konnte ich nichts für euch tun. Vielleicht habt ihr mich mit euren Blicken darum gebeten. Oder bilde ich mir das nur ein? Erst in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich ganz allein dastehe, ins Leere starre, Tränen in den Augen habe und mein Herz schwer geworden ist.

Seit 28 Jahren sind die Teams von Animals' Angels auf Europas Straßen unterwegs, um Tiertransporte zu dokumentieren. Hinter jedem Einsatz stehen engagierte Menschen, die davon überzeugt sind, dass Veränderung möglich ist – und dass Tiere als fühlende Lebewesen unser volles Engagement und unsere Entschlossenheit verdienen, um eine Zukunft zu schaffen, in der sie besser geschützt und respektiert werden.