„Wir sehen das Individuum“

Silvia Meriggi arbeitet seit 2010 für Animals’ Angels. Die gelernte Juristin stammt aus Italien und ist vor allem auf den Straßen in Süd- und Osteuropa im Einsatz.

Interview mit unserer Mitarbeiterin Silvia Meriggi

Was treibt dich an und motiviert dich in deiner Arbeit? 

Nachdem ich mich zunächst ehrenamtlich für Streuner eingesetzt habe, wollte ich etwas für die ‚Nutz‘tiere tun. Zwar können wir diese Tiere nicht retten. Aber sie zu sehen, bei ihnen zu sein, sie sichtbar zu machen, das treibt mich bei dieser Arbeit an. Die Gesellschaft betrachtet die Tiere als Ware und erkennt nicht, dass jedes einzelne ein Individuum ist. Das aber sehen wir.

Wie bereitet ihr eure Einsätze vor? 

Es gibt zwei Aspekte: einen strategischen und einen logistischen. Wir besprechen vorher genau, was wir untersuchen und wie wir das erreichen wollen. Zudem müssen wir beispielsweise klären, welche Genehmigungen wir für Grenzübertritte benötigen und welches Auto geeignet ist, um in einer Woche 5.000 Kilometer zurückzulegen. Dazu kommt die Wahl der Ausrüstung, die je nach Land, Jahreszeit, Tierart und Transportart spezifisch ist. Wir müssen auf alle Umstände vorbereitet sein. 

Oft sitzt ihr im Auto und wartet. Wie geht ihr damit um? 

Ja, das stimmt, wir warten viel, aber wir sind dabei trotzdem aktiv. Wir dürfen niemals die Straße aus dem Blick verlieren und keinen Tiertransport übersehen. Deswegen sind wir immer mindestens zu zweit, dadurch kann eine:r parallel am Computer arbeiten oder recherchieren und wir können Schichten einlegen und zwischendurch schlafen, wenn wir nonstop im Einsatz sind. 

Ihr seht viele Tiere, die leiden oder verletzt sind. Wie gehst du damit um? 

Die bittere Wahrheit ist: Wenn man jeden Tag mit Schmerz konfrontiert wird, lässt die emotionale Erschütterung nach. Das ist wie bei einem Chirurgen, der täglich die Körper von Menschen und Tieren aufschneidet, um sie zu retten. Das hat mich zunächst beunruhigt, weil ich mein Einfühlungsvermögen nicht verlieren möchte. Mit der Zeit lernt jede und jeder von uns, dass es gilt, diesen Schmerz auf eine persönliche Art und Weise zu verarbeiten. Das Wichtigste ist, sich dessen bewusst zu sein.

Trotz dieser traurigen Seite – welche Erfolge gibt es? 

Keine großen Erfolge, aber einige kleine Fortschritte: Behördliche Verbote oder Anweisungen an die Transportunternehmen, Verbesserungen vorzunehmen. Sicherlich ändert sich dadurch nichts an der grundsätzlichen Situation für die Tiere. Aber ich denke, dass der Verzicht auf den Transport bei 40 Grad schon eine kleine Verbesserung bedeutet. Und auch wenn die Polizei Transportunternehmen bestraft, ist das ein Fortschritt, denn so wächst die Einsicht, dass Gesetze einzuhalten sind. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir es durch beharrlichen Druck endlich erreicht haben, dass die EU-Tierschutztransportverordnung überarbeitet wird. 

Myriam nimmt einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Sie ist ein Lamm, das wir in einem Lastwagen gefunden haben. Sie war schwach und andere Lämmer trampelten über sie. Wir haben es geschafft, sie in einer Notsituation auszuladen. Sie hat ihre Reise zum Schlachthof nicht fortgesetzt, weil sie in einem Auffanglager lebt. Der Aufwand, den wir für sie betrieben haben, und das Glück, das uns geholfen hat, machen solche Fälle sehr selten.

Dieses Interview erschien in unserem Jahresbericht 2023.