Spanien: Abfallprodukte der Milchwirtschaft – junge ‚Milch’kälber auf den Tiermärkten in Spanien

Viele Jahre sind vergangen, seit Animals‘ Angels zusammen mit der Tierschutzorganisation ANDA die Tiermärkte in Nordspanien besucht hat. In dieser Region liegt der Schwerpunkt auf der Milchproduktion. So ist es nicht verwunderlich, dass neben den ‚ausgedienten‘ ‚Milch’kühen auch männliche, wenige Wochen alte Kälber auf den Tiermärkten gehandelt werden – die ‚Abfallprodukte‘ der Milchwirtschaft.

Mehr als tausend Kälber sehen wir an den zwei Markttagen in Silleda und Santiago de Compostela. Viele sind sehr jung, teilweise erst zwei Wochen alt. Die trockene Nabelschnur hängt bei manchen sogar noch am Nabel. Ihre Flanken sind eingefallen und ihre Rippen deutlich zu sehen. Für die Fütterung der Kälber sind die Verkäufer hier auf den beiden Märkten selbst verantwortlich. Wann die jungen Tierbabys das letzte Mal tatsächlich gefüttert wurden – wir wissen es nicht. Wir vermuten aber, dass es schon viele Stunden zurückliegt. Denn viele Kälbchen zeigen ganz eindeutige Anzeichen für Hunger. Sie beißen in die Gitterstäbe und belecken sich gegenseitig, sodass einige einen nassen Bauch haben. Das Kalb Pedro beißt sich sogar selbst in den Schwanz, um sich von seinem Hunger abzulenken.

Vielleicht haben auch einige Kälber ihre letzte Mahlzeit auf dem Hof bekommen, bevor sie geladen wurden. Wenn sie auf dem Markt in der Zwischenzeit ‚gefüttert‘ werden, bekommen sie meist nur Elektrolytlösung. Das hält sie zwar bei Kräften, aber stillt ihren Hunger nicht und kann deshalb auch nicht als vollwertige Mahlzeit angesehen werden.

Auch einige kranke und schwache Kälbchen finden wir unter den ihnen. Mit Durchfall, Haarausfall und Abszessen am Kiefer haben mehrere Kälber zu kämpfen. Einer von ihnen ist Sebastiano. Das braun-weiße Bullenkälbchen ist deutlich kleiner als die anderen. Sein Fell am Hinterteil ist mit Exkrementen verschmiert und auch in seinem Gesicht klebt Kot. Er sucht unsere Nähe und saugt an unserer Kleidung.

Einige Kälber haben eitrigen Nasenausfluss und Atemproblemen. So auch Miro. Der kleine weiße Bulle mit den grauen Stichelhaaren am Kopf liegt zusammengerollt zwischen seinen Kameraden. Er streckt seinen Hals, um möglichst viel Luft zu bekommen. Sein Atem geht schnell und immer wieder hören wir ihn husten.

In Silleda werden einzelne sehr kleine und schwache Tierkinder auf Anweisung des Tierarztes separiert und zusätzlich gefüttert. Wir begrüßen den nachsichtigen Umgang mit den vermeintlich Kleinsten. Leider wird in Santiago de Compostela weniger auf die Befindlichkeiten der Kälber geachtet.

Wir kommen mit einzelnen Fahrern der Tiertransporter ins Gespräch und erfahren, dass Kälber vom Markt in Silleda auch nach Santiago de Compostela gebracht werden – und ein Lkw die Kälbchen sogar weiter zum Markt nach Pola de Siero fährt. Das bedeutet, dass die Tierkinder von Markt zu Markt wandern – eine große Belastung für sie. Nicht nur wegen des Stresses beim Transport und auf dem Marktgelände. Auch die oftmals unzureichende Versorgung mit Nahrung erschwert die Situation der jungen Kälbchen zusätzlich.

Wir bleiben bei den Kälbchen, bis sie verladen werden. Unsere Sorgenkinder Sebastiano und Miro sind unter ihnen. Der Lkw fährt los und wir folgen ihm. Immer wieder wird die Fahrt unterbrochen: Tiere abgeladen, weitere Kälber an einem anderen Marktgelände aufgeladen und eine Essenspause für die Fahrer. Umwege und Verzögerungen – keine Rücksicht wird auf die Tierkinder genommen, die erst wenige Wochen zuvor ins Leben gestartet sind. Acht Stunden später erreichen sie erschöpft das Marktgelände.

Zum Glück wissen wir von Pola de Siero, dass dort die Kälbchen sicher versorgt werden. So bleiben Miro, Sebastiano und Pedro wenigstens nicht noch eine weitere Nacht hungrig.

Aber dennoch: Das Geschäft mit den Tierkindern ist für sie eine unzumutbare Belastung und bedeutet extremes Leid. Mit dieser Art von ‚Sammelstellen/Markt-Hopping‘ muss endlich Schluss sein.

Unsere Beobachtungen geben wir in entsprechenden Beschwerden an die spanischen und EU-Behörden weiter. Im Zuge der Überarbeitung der Transportverordnung machen wir uns dafür stark, dass diese Gesetzeslücke ein für alle Mal geschlossen wird.

 

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